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Knapp, knackig, Kurzgeschichten

  • lisaostwald
  • 5. Feb.
  • 5 Min. Lesezeit
Ein Hühnerküken steht vor einem Skelett eines Tyrannosaurus Rex
Zwerg vs. Riese – Kurzgeschichte gegen Roman (Szene entdeckt im Naturkundemuseum Berlin)

In der Schule kennengelernt, gelesen, interpretiert … Kurzgeschichten haben uns das eine oder andere Mal Nerven gekostet.

 

Ich erinnere mich an meine Abiprüfung. Wir hatten die Wahl zwischen einer Gedichtanalyse oder der Interpretation einer Kurzgeschichte. Unsere Deutschlehrerin hatte uns dingend ans Herz gelegt, das Gedicht zu nehmen, da wir die Analysen im Unterricht hoch und runter hatten. Wer hat sich nicht daran gehalten?

 

Mit der Zeit habe ich Kurzgeschichten aus den Augen verloren. Romane waren cooler. Erst, als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich sie wiederentdeckt. Und lieben gelernt.

 

In Amerika entstand die Kurzgeschichte zeitgleich mit der Entwicklung des Zeitschriftenwesens. In Deutschland erlebte sie ihre Blüte insbesondere in der Zeit nach 1945. Ein literarischer Neubeginn, sachlich, prägnant, kurz. In Abgrenzung zum Typus Literatur der NS-Zeit. In den 1950 thematisierten Kurzgeschichten überwiegend Kriegserlebnisse, ab den 1960ern verlor sie an Bedeutung. Erst 2013 mit Verleihung des Literaturnobelpreises an Alice Munro, deren Werk aus Kurzgeschichten besteht, hat die Kurzgeschichte ihr Revival erlebt.

 

So viel zur Entwicklung.


Was macht eine Kurzgeschichte aus?

 

In jedem Lehrbuch finden wir sie – Die Merkmale:

-          Kürze

-          Außergewöhnliches im Alltäglichen

-          Schilderung eines Konflikts, der zu einem Wendepunkt führt

-          Konzentration auf das Wesentliche

-          Einheit des Ortes und ein kurzer Zeitraum

-          Anfang und Ende sind abrupt

-          Gradliniger, sachlicher und knapper Sprachstil

-          Chronologische Handlungsfolge

Merkmale hin oder her, sie treffen nicht immer auf alle zu.

 

Mit Blick auf die Liste ist sie nicht nur für Schreib-Neulinge interessant.

 

Zunächst die Länge. Kurzgeschichten umfassen je nach Quelle zwischen 500 bis 10.000 Wörtern (1 bis 10 Seiten). Perfekt, um neue Themen auszuprobieren. Du hast noch nie einen eskalierenden Streit geschrieben? Oder eine Kampfszene? Erotik? Warum nicht mit einer Kurzgeschichte eintauchen? Denn, schauen wir auf die Merkmale, was soll schiefgehen? Du hast einen engen Rahmen, vielleicht nur eine Szene, wenige Personen und lernst, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Du übst den direkten Szeneneinstieg. Langatmige Erklärungen sind fehl am Platz. Denke daran, du hast nur wenige Wörter zur Verfügung.

 

Wie gehe ich bei der Entwicklung einer Geschichte vor?

 

Ich habe ein Thema entdeckt, dass mich interessiert. Vielleicht eines, dass ich gerne üben möchte. Zunächst mache ich mir Gedanken, was ich erzählen könnte. Davon ausgehend suche ich nach dem Hauptkonflikt, der eine zentrale Rolle spielt. Dabei folge ich nicht den erstbesten Gedanken. Wenn ich Pech habe, haben das acht andere Autorinnen und Autoren gemacht. Sucht lieber nach dem Ungewöhnlichen im Gewöhnlichen.

 

Dann überlege ich meine Figur bzw. die Figuren. Auch hier Konzentration auf das Wesentliche. Eine, maximal zwei Figuren. So wie in Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Das Brot“. Ein Ehepaar. Mehr braucht es nicht um eine umfassende Geschichte zu erzählen. Im zweiten Schritt überlege ich, ob ich die Figur/en namentlich erwähne. Und das finde ich so cool an Kurzgeschichten. Ich muss das nicht tun. Durch den fehlenden Namen impliziere ich weniger von der Figur. Wie sieht sie aus, was trägt sie, wie klingt ihre Stimme. Bei einem Sebastian oder einer Gabriele haben wir sofort Bilder im Kopf. Basierend auf unseren Vorerfahrungen bzw. gesellschaftlichen Narrativen. Dass kann ich abstellen, indem ich keine Namen nenne.

 

Wie gelingt mir ein chronischer, nicht zu langer Handlungsverlauf?

 

Eine Kurzgeschichte ist nicht nur kurz an Wörtern. Auch die Erzählzeit ist kurz. Wenige Minuten bis wenige Tage. Hier lohnt es sich richtig, mit Plotmodellen zu arbeiten.

 

Ich empfehle die Drei-Akt-Struktur. Wer es detaillierter mag, dem lege ich die Freytags-Pyramide nahe. Diese stammt ursprünglich aus der Dramaturgie, lässt sich aber wunderbar für Kurzgeschichten nutzen. Jede Geschichte ist in fünf Abschnitte gegliedert:

1.       Eposition

2.       Steigende Handlung mit erregendem Moment

3.       Höhepunkt und Peripetie

4.       Fallende Handlung mit retardierendem Moment

5.       Katastrophe oder Auflösung

Zu jedem dieser Punkte notiere ich, was ich schreiben möchte, ausgehend vom Höhepunkt. Mir fällt es leichter zu wissen, worauf ich hinarbeiten muss. Ich kann den Ausgangspunkt so gestalten, dass er im Kontrast zum Höhepunkt bzw. dem daraus resultierenden Ende steht.

 

Habe ich alle Punkte zusammen, bleibt mir nur noch eines: Schreiben.

 

Was mache ich mit den Kurzgeschichten?

 

Die meisten schreibe ich in Phasen, in denen mir meine Romanmanuskripte zum Hals raushängen. Wenn ich Abwechslung brauche. Glücklicherweise gibt es regelmäßig Anthologieausschreibungen, von denen ich mich inspirieren lasse. Wenn ich einen Text zu einer solchen Ausschreibung verfasst habe, sende ich sie auch meistens ein. So bekomme ich Rückmeldungen zu meiner Art zu schreiben. Bei drei Anthologien hat es bisher geklappt, bei mehr bekam ich Absagen oder keinerlei Rückmeldung.

 

Eine Geschichte habe ich im Rahmen von story.one von Thalia veröffentlicht. Meine Erfahrungen dazu werde ich in einem separaten Blogartikel veröffentlichen.

 

Im Rahmen des Marketings meines ersten Romans habe ich eine Kurzgeschichte verfasst, die ich als Broschüre drucken lassen habe. Diese wird mich auf Messen begleiten. Sonst ist der Text auf Wattpad zu finden (https://www.wattpad.com/story/402768540-sonnenerwachen).

 

Sind Schreibwettbewerbe nützlich für mich?

 

Ja. Sie waren meine ersten Schritte als Autorin. Dank ihnen konnte ich eine erste Liste von veröffentlichten Werken anlegen. Gerade, wenn ihr Interesse an einer Verlagsveröffentlichung habt, ist so eine Liste vorteilhaft. Ihr zeigt den Verlegenden, dass ihr „für den Markt“ schreiben könnt. Klingt doof, ist aber leider so. Für mich ist es eine zusätzliche Möglichkeit, mich kreativ auszutoben. Und mich mit Themen zu beschäftigen, die vielleicht nicht ganz meinem Status quo entsprechen.

 

Wenn ihr an einem solchen Wettbewerb teilnehmen wollt, dann lest euch genau die Teilnahmebedingungen durch. Wer erhält und behält die Rechte? Müsst ihr bezahlen (Achtung!), gibt es ein Honorar oder eine gedruckte Anthologie … Schaut in das Impressum. Ist es „sauber“ oder gibt es Ungereimtheiten? Wenn ihr ein schlechtes Gefühl habt, dann lasst die Finger davon.

 

Die Themen der Schreibwettbewerbe sind entweder sehr offen formuliert oder recht eng gestrickt. Auch hier lohnt sich gründliches Lesen. Manchmal, wenn die Überschrift keine wirklichen Erkenntnisse liefert, lohnt sich ein Blick in die Beschreibung. Dort steht genau, was erwartet oder nicht erwartet wird. Ebenso die Formalien und die Kontaktadresse. Dringende Empfehlung: Haltet euch genau daran! In den meisten Jurys sitzen Freiwillige, die diese Arbeit neben dem Brotjob erledigen. Nichts ist frustrierender, als Teilnehmende, die nicht nach den Spielregeln spielen. Wenn von hundert Texten siebzig nicht den formalen Anforderungen entsprechen, dann ist das ärgerlich. Inhaltlich ist eine andere Spielwiese. Dafür ist die Jury da, eure Texte zu bewerten.

 

Ja, eine Absage tut weh. Und sie tut jedes Mal aufs neue Weh. Es gehört zur Buchbranche dazu. Bei Schreibwettbewerben kann gelernt werden, gut mit diesem Schmerz umzugehen. Umso mehr freue dich, wenn es eine Geschichte in eine Anthologie geschafft hat. Darauf kannst du sehr stolz sein.

 

Fazit


Ich verstehe nicht, warum Kurzgeschichten stiefmütterlich behandelt werden. Sie sind ein super Format, um sich auszuprobieren. Neue Felder zu erschließen. Erzähltechniken zu üben. Vielleicht entwickelt sich aus einer Kurzgeschichte ein Roman, weil euch das Thema, eure Figur so fasziniert?

 

Deswegen: Es lebe die Kurzgeschichte!

 

Vielleicht fällt euch eine Geschichte zu folgender Überschrift einer Zeitung ein:

 

„Radlader verloren“

 

(Tatsächlich so gelesen.)

 

 

Du hast eine oder mehrere Kurzgeschichten geschrieben und möchtest sie gerne lektorieren lassen? Dann nimm Kontakt mit mir auf! Gerne bringen wir deine Geschichten zum Strahlen.




Quellen:

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