„Amüsant und unbedenklich“ - Romantasy ist keine Literatur
- lisaostwald
- 19. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

Klingt wie die aktuelle Debatte um Romantasy? Was kann eine Fantasiewelt, in der Liebe im Mittelpunkt steht, schon für literarischen Wert haben?
Sehr viel.
In der Literatur wird „Frauenliteratur“ gerne als das Pendant von „Männerliteratur“ gesehen.
Was soll das sein, Frauenliteratur?
Lasse ich dieses Wort auf mich wirken, sind es Bücher und Texte, die von Frauen geschrieben worden sind. Für Frauen. Die weibliche Lebensrealitäten behandeln. Aus der Sicht von Frauen. Denke ich weiter darüber nach, was das bedeuten könnte, lande ich schnell bei Klischees über Frauen.
Was ist ein Klischee?
Per Definition ist ein Klischee eine Redewendung, die so oft wiederholt wurde, dass sie ihre Aussagekraft verloren hat. Ein geläufiges Beispiel ist „Andere Mütter haben auch schöne Söhne.“ Oder, aus meinen Texten: „Sie zitterte wie Espenlaub.“
Merkt ihr, wie ihr innerlich die Augen verdreht? Deswegen sollte jede und jeder beim Überarbeiten überlegen, ob ein individuelleres Bild, was zu deiner Geschichte passt, besser geeignet ist.
Im Gegensatz dazu ist der Stereotyp zu nennen. Die Begriffe werden häufig synonym verwendet, bedeuten aber unterschiedliche Dinge. Ein Stereotyp ist ein verallgemeinertes, oft vereinfachtes und „feststehendes“ Bild oder eine Zuschreibung über eine bestimmte Personengruppe. Diese nimmt Merkmale an, die für das Individuum selbst nicht zutreffen müssen, sondern der Gruppe zugeschrieben werden. „Alle Italiener essen Nudeln.“ Was ist mit dem Italiener, der sie nicht mag? Stereotype dienen der Komplexitätsreduktion, sind aber oft negativ behaftet. Spätestens, wenn alle Italiener Spaghetti-Fresser werden, hört für mich der Spaß auf.
Ich will Klischees und Stereotype nicht verteufeln. Sie begegnen uns in der Literatur. Mal sind sie gut umgesetzt, mal katastrophal schlecht.
Wie hängen sie mit „Frauenliteratur“ zusammen?
Autorinnen wird vorgeworfen, immer wieder die gleichen Rollenbilder zu bedienen. Die Jungfrau in Nöten muss vom Helden vor dem Bösen gerettet werden. Der Held ist blond, groß und muskulös … Ich könnte die Liste endlos weiterführen. Aber das sind die genannten Faktoren, warum die Werke von Autorinnen „weniger wert“ sind, als die ihrer männlichen Pendants. Und diese Aussage stammt meist von Männern. Literaturkritiker. Und hier schreibe ich bewusst das generische Maskulinum.
Und das ist Mist.
Aktuell kocht das Thema immer wieder zu den großen Buchmessen hoch. Junge Frauen, die Bücher etwa gleichaltriger Autorinnen lesen, in denen moralisch graue Helden ihren Weg gehen. Beziehungsweise die Frauen die Sache mit der Rettung der Welt selbst in die Hand nehmen. Denn eines haben alle gemeinsam: Auf Jungfrauen in Nöten hat keiner Lust mehr.
Fantasyliteratur war für viele Frauen schwer zugänglich. Männliche Protagonisten, Frauen als Beiwerk, komplizierte Welten … Das Fehlen weiblicher Identifikationsfiguren ließ Mädchen und Frauen zu anderen Büchern greifen. In denen Frauen die Hauptfiguren sind. Bis einige Autorinnen den Schritt gewagt haben und weibliche Heldinnen in eine Fantasywelt integrierten. Und plötzlich las eine weibliche Zielgruppe Fantasy! Unvorstellbar! (Sarkasmus off)
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Darstellung von Sex in diesen Werken. Explizit und aus weiblicher Perspektive. Was ist jetzt daran das Problem? Oder besser: Probleme? Das der weibliche Blick auf Sex im Mittelpunkt steht? Dass Sex kein rein männliches Fantasiegebilde ist? Das Frauen sexuelle Wesen sind? Und es (aus männlicher Sicht) nicht sein dürfen? Wie weit und wie tief muss ich das Fass öffnen, damit alle Themen auf den Tisch liegen? Am allerwichtigsten, und diesen Punkt werde ich nicht müde herauszustellen: Es geht um Konsens. Ja heiß ja und nein heißt nein. Das haben ich bislang in jedem Buch gefunden.
Romantasy emanzipiert. Das sage ich nicht nur als Autorin, das sage ich auch als Leserin. Ich will von Heldinnen lesen, die Despoten stürzen. Die ihrer Bestimmung nachkommen und die Welt retten. Die ihre eigene Lust ausleben. Das alles dürfen sie in meinen Büchern.
Romantasy durchbricht Stereotype. Ja, es kommen Vampire, Werwölfe, Fae, Elfen und mehr vor. Aber sie sind anders. Sie sind nicht mehr schwarz-weiß. Sie sind von Grautönen durchzogen. Zeigen Emotionen, Schwächen, Ängste. Schafft aber auch neue Stereotype: Der dunkelhaarige Shadowdaddy, der mysteriöse Vampir-Lord … Gewollt, oder weil es der Markt so will? Ein weiterer Kritikpunkt, der mir bei der Recherche begegnet ist: Ja, die Protagonistinnen sind Kämpferinnen. Wenn nötig, bis aufs Blut. Und am Ende wird geheiratet und heile Welt. Mir sind bislang wenige Bücher mit diesen Enden begegnet, aber warum sollte es sie nicht geben? Die Frage, die sich anschließt, ist, wie die Rollenverteilung innerhalb der Ehe gestaltet ist. Modern, klassisch, emanzipiert …?
Romantasy bringt Mädchen und junge Frauen zum Lesen. Jetzt sind wir bei meinem Lieblingsthema. In schöner Regelmäßigkeit wird moniert, dass die Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler zurückgeht. Etwas zeitversetzt ploppt die Nachricht auf, dass junge Leute „Schund“ lesen. Gemeint ist meist Romantasy und New Adult. Jetzt möchte ich eine Gegenfrage stellen: Ist es nicht zu begrüßen, dass mit diesen Büchern der Weg in die Literatur gefunden wird? Dass überhaupt gelesen wird? Dass durch diese Bücher vielleicht sogar die Lesekompetenz verbessert wird? Gewagt, ich weiß. Aber mich nervt diese ewige Defizitorientierung.
Romantasy ist Eskapismus. Ja, ich will von dieser Welt abschalten. Und das mache ich nicht mit hochtrabender Literatur. Das mache ich mit gut lesbaren Storys. Auf Drachen reitend die Welt rettend. Mit Herzschmerz und Herzklopfend. Hauptsache unsere Welt für ein paar stille Momente vergessend. Und so wird es vielen Leserinnen dieses Genres gehen.
Ein paar Gedanken habe ich noch. Was ich in manchen Büchern vermisse.
Plot
Liebe Autorinnen. Erinnert euch bitte an das Handwerk und damit den Handlungsverlauf. Es gibt diese Erzählweisen nicht grundlos. Sie helfen Leserinnen, sich in deiner Welt zurechtzufinden. Der Handlung und dem Konflikt zu folgen. Nutzt es als Gerüst, als Leitfaden, als euren Taktgeber.
Protagonistin
Lasst sie ruhig Badass sein. Lasst sie eine Vergangenheit haben, die ihre Gegenwart bestimmt. Lasst sie an Herausforderungen und Konflikten wachsen. Aber lasst es nachvollziehbar für Leserinnen sein. Mir fallen spontan ein: Feyre, Nesta, Brie (A Court of Sun), Oraya, Keera (Shadow Crown), Bryce … Euch fallen bestimmt mehr ein.
Magie
Auch Magie hält sich an Gesetze. Sie kann nicht aus dem Nichts entstehen. Und sie sollte mit Rückschlägen erlernt werden. Harry Potter brauchte auch ewig, um den Patronus zu beherrschen. Überlegt euch ein passendes Magiesystem und haltet euch daran. Kleiner Hinweis von mir: „Plötzlich“ ist meist ein Indikator, dass etwas fehlt. Selbst ein Erdbeben kündigt sich an.
Weltenbau
Wenn ihr euch eine eigene Welt baut, dann denkt daran, dass es auch dort Naturgesetze und Physik gibt. Wenn ihr davon abweicht, dann erklärt es gut. Denkt an Flora und Fauna. Riesige Insekten bedeuten mehr Sauerstoff in der Luft. Mehr Sauerstoff bedeutet, dass Menschen möglicherweise Probleme beim Atmen haben. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das könnt ihr in Dokus zur Erdgeschichte lernen. Welches Buch mir in Bezug auf Weltenbau positiv in Erinnerung geblieben ist, ist „One True Queen“ (Jennifer Benkau).
Sex
Gerne. Wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. Ein weiterer Punkt: Lasst es sich entwickeln. Ja, ein ONS ist denkbar, dann aber die Konsequenzen bedenken (s. Marah Woolf „Wicca Creed“). Ich kann mir vorstellen, dass viele Leserinnen Insta-Lust (plötzliche Anziehung aus dem nichts und der dringende Wunsch das Bett zu teilen) abstößt.
Und zu diesem Thema die Sprache. Bei manchen Szenen habe ich das Gefühl, dass die Autorin zuvor einen Porno gesehen hat und diesen wiedergibt. Ja, die deutsche Sprache ist vielleicht nicht die klangvollste für Sex, aber auch wir haben schöne Wörter. Und bitte: Nennt die Geschlechtsteile beim Namen. Vieles ist durch Übersetzungen in unseren Sprachgebrauch eingegangen, aber an diesen Bezeichnungen habe ich mich sattgelesen. Und oft genug fremdgeschämt. Wenn ihr Bauchschmerzen habt, wenn ihr eure Texte lest, dann hört auf euer Gefühl. Manchmal muss nicht alles ausbuchstabiert werden.
Fazit
Nur wenige Genre haben die Literaturwelt so gespalten wie Romantasy. Vielleicht noch New Adult. Wenn die Kritiker sich mit dem Genre umfassend beschäftigen würden, sähen sie den positiven Beitrag des Genres zur Literatur.
Übrigens: Die Überschrift stammt aus einer damaligen Kritik zu Jane Austen. Hat sich bislang wenig geändert, oder?
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Buchtipp
Seifert, N. (2021). Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Quellen




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